Stadtverwaltung ignorierte lange Zeit Zustände am Sacrower See

Sonne satt, ein Plätzchen am See, fast ganz allein an einer kleinen Badestelle, ein parkendes Auto in der Nähe, ein aufgepumptes Schlauchboot, ausreichend Getränke, Essen für den mitgebrachten Grill oder das am Abend zu entfachende Lagerfeuer, vielleicht sogar ein kleines Zelt für die Nacht, all das klingt nach wohlverdientem Urlaub in einem Naherholungsgebiet. Allerdings findet man diese Situation an Sommertagen eben nicht in einem Naherholungsgebiet, sondern am Sacrower See, inmitten eines Naturschutzgebietes.

Die Schutzwürdigkeit dieser Gebiete ist durch ihre Naturnähe, das Vorkommen von Lebensgemeinschaften oder Lebensstätten seltener, wildlebender Tier- und Pflanzenarten oder ihre Vielfalt und Seltenheit, hervorragende Schönheit und besondere Eigenart gegeben. Unterschutzstellungen werden zur Erhaltung und Entwicklung dieser Merkmale, bei akuter oder potentieller Gefährdung sowie generell zur Erhaltung und Wiederherstellung des Naturhaushaltes vorgenommen“, heißt es seitens des Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft des Landes Brandenburg.

Setzen sich engagiert für den Natur- und Landschaftsschutz ein: Jürgen Tarrach und Dieter Dargies (v.l.) Foto: sts

Polizei findet Einsatzort nicht

Zugeparkte Waldwege, wilde Camper, Müllberge im Wald und Abfälle im See, mindestens 40 illegale Badestellen, Schlauchboote mit Elektromotor im Schilfgürtel und vor allem offene Feuer bei Waldbrandgefahrenstufe 4 und 5 sind in einem Naturschutzgebietes ein unerklärlicher und vor allem nicht mehr länger hinzunehmender Zustand. Das sagten sich auch etwa 30 Einwohner in und um Groß Glienicke und bildeten vor wenigen Jahren eine Bürgerinitiative. Ihr Anliegen war und ist, den katastrophalen Zuständen am Sacrower See durch persönliches Engagement zu begegnen. Aus diesem Grund gehen sie abwechselnd täglich um den Sacrower See, entfernen die Reste wild campender, feiernder oder einfach nur sich erholen wollender Besucher. Nicht nur aus dem Wald, auch aus dem See werden dabei Unmengen an Müll entfernt, Feuerstellen geräumt und vor allem das direkte Gespräch mit denen gesucht, die für die zuvor genannten Zustände verantwortlich sind. Verständnis für Hinweise, offenes Feuer zu vermeiden, den Müll bitte wieder mitzunehmen, nur die ausgewiesenen Badestellen zu nutzen und Schilfzonen wegen der zu schützenden Flora und Fauna zu meiden – insbesondere während der Brutzeit und den Wochen, in denen die Jungtiere aufgezogen werden –, stoßen meist auf taube und unverständliche Ohren. „Leider reagieren die von uns Angesprochenen so oft aggressiv, dass wir in bestimmten Situationen dazu übergegangen sind, direkt das Ordnungsamt oder die Polizei zu informieren, vor allem wenn es um offene Feuer geht“, berichtet Dieter Dargies, einer der Mitbegründer der Bürgerinitiative aus eigener Erfahrung. „Nur leider bringt das auch nicht viel. Bei einer unserer letzten Meldungen eines offenen Feuers am 09. Juli um 22:00 Uhr bei der Polizei, rief diese erst über eine Stunde später zurück, um sich nochmals nach der genauen Position der Feuerstelle zu erkundigen, um dann wieder anderthalb Stunden später auf dem Grundstück des am Sacrower See gelegenen Institut für Binnenfischerei mit der Behauptung zu erscheinen, dass es bei ihnen brenne“, erzählt Dargies gegenüber dem POTSDAMER.

Reden hilft nichts

Auch Jürgen Tarrach weiß Ähnliches zu berichten. „Als ein Anwohnerehepaar ein Pärchen bemerkte, dass hinter dem Institut für Binnenfischerei ein Zelt aufgeschlagen hatte und einen Holzkohlegrill mitten im Wald betrieb, kontaktierten sie sofort die Polizei, die jedoch nur lakonisch konstatierte, dass sie Wichtigeres zu tun hätten und man den Leuten doch ihren Spaß gönnen solle. Bei uns entsteht langsam der Eindruck, dass man von Amtsseite überhaupt gar kein Interesse hat, hier irgendwie für Ordnung zu sorgen, um weiteren Ausuferungen Einhalt zu gebieten“, sagt Tarrach dem POTSDAMER enttäuscht.

Bereits im Mai dieses Jahres galten wegen des anhaltend sommerlichen Wetters für elf von vierzehn Regionen Brandenburgs die höchste Waldbrandgefahrenstufe… In Anbetracht der extrem hohen Brandgefahr sollte alles unterlassen werden, was zu einem Brand im Wald und in der Feldflur führen könnte“, heißt es auf der Internetseite des Umweltministeriums für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft des Landes Brandenburg.

Eine der vielen freien Feuerstellen um den Sacrower See. Foto: Wolfgang Keil

Zuständigkeiten bleiben ungeklärt

Aufgrund der mangelnden Unterstützung wandte sich Tarrach zweimal schriftlich an die Untere Naturschutz- und Landwirtschaftsbehörde und machte auf die Zustände am See aufmerksam. Leider erhielt er auch nach mehreren Wochen keine Antwort. Also schaltete Tarrach Mitte Juli die in seinem letzten Schreiben erwähnte Presse ein und wandte sich u.a. an den POTSDAMER mit der Bitte um Unterstützung. Der POTSDAMER sprach daraufhin direkt mit den involvierten Abteilungen der Stadtverwaltung, der Polizei, dem Landesforstbetrieb und ihrer Pressestellen, um Näheres über die Zustände am Sacrower See sowie über die Schreiben von Herrn Tarrach und die weitere Vorgehensweise der zuständigen Behörden in Bezug auf die Schilderungen zu erfahren. Noch am selben Tag bestätigte ein Pressesprecher der Landeshauptstadt Potsdam dem POTSDAMER, dass die Schreiben von Herrn Tarrach angekommen seien und versicherte, dass er in Kürze ein Antwortschreiben erhalte, welches Herrn Tarrach auch wenige Tage später zuging.

In diesem Schreiben erwähnte der Sachbearbeiter der Unteren Naturschutz- und Landwirtschaftsbehörde, dass die aufgezeigten Missstände im Naturschutzbeirat der Landeshauptstadt Potsdam thematisiert wurden und es fachlich außer Frage stünde, „dass hier ein Handlungsbedarf deutlich ist“. Weil jedoch der Umfang der Auswirkungen und der Charakter sowie komplexe Schutzstatus des Sacrower See und des Königswaldes die Abstimmung einiger Behörden und Organisationen, die für die Schutzbelange zuständig sind und im Folgenden auch praxisnah und konkret Vorkehrungen treffen können, notwendig sei, wäre man dabei zu versuchen, einen gemeinsamen Ortstermin zu finden, was jedoch aufgrund von krankheits- und urlaubsbedingten Abwesenheiten schwer zu realisieren sei. Als Beispiele für die erwähnten Beteiligten nannte man in dem Schreiben neben der Unteren Naturschutzbehörde selbst das Institut für Binnenfischerei, das Ordnungsamt der Stadt Potsdam, die Forstbehörde und den Landesforstbetrieb.

„Was wir uns fragen ist, warum man schon seit Jahren die Zustände am Sacrower See billigt, obwohl man diese ganz genau kennt. Uns fehlen die Mittel, und die, die sie haben, setzen sie nicht ein“, so Tarrach verärgert. „Es geht uns nicht darum, Spaß zu verbieten. Wir wollen lediglich, dass die Auflagen des Naturschutzes beachtet werden, um die Natur zu bewahren und dass sich die Stadt dieser hoheitlichen Aufgaben auch ernsthaft annimmt“, fügt er hinzu.

Wann die Landeshauptstadt den angekündigten Ortstermin durchführen wird und ob daraus weitere Maßnahmen abgeleitet werden, die die geschilderten Zustände am Sacrower See verbessern, bleibt abzuwarten.

Der POTSDAMER wird mit den genannten Behörden und der Bürgerinitiative Kontakt halten und über dieses Thema weiter berichten.

sts