Warum das Reduzieren des Wildbestandes ökologisch nötig ist

Kaum ein Thema polarisiert so stark und wird so unterschiedlich wahrgenommen wie die Jagd. Für manche sind Jäger blutrünstige Tiermörder, die wahllos herumballern, um sich ihre Kühltruhen voll mit kostbarerem Fleisch zu stopfen. Für die anderen ist die Jagd eine notwendige Maßnahme, um für ein ökologisches Gleichgewicht und damit für einen gesunden Wald zu sorgen.
„Man sieht ja gar kein Wild, wenn man in den Wald geht“, heißt es oft von denjenigen, die der Jagd eher skeptisch gegenüberstehen. Warum soll man das Wild, das niemand zu Gesicht bekommt, also noch dezimieren?
Dass man Wild im Königswald selten sieht, hat in erster Linie damit zu tun, dass man sich in einem Naturschutzgebiet nur auf den vorgegebenen Wegen bewegen sollte und die Wildtiere sich vorwiegend im Waldesinneren (Einständen) aufhalten. Hinzu kommt, dass die Aktivitäten der Waldtiere sich auf die frühen Morgen- oder die Abendstunden verlagert haben, in denen in der Regel keine Waldspaziergänge unternommen werden. Ein weiterer Grund ist die Tatsache, dass die meisten Wildtiere den Kontakt zu Menschen meiden und daher versucht sind, sich ihm auch nicht zu zeigen.

Das Schwarzwild vermehrt sich nicht nur in unserer Region sehr stark. Foto: pixabay

Ökologische Funktion des Wildes

Jedes Tier im Wald besetzt eine ökologische Nische. Auch Schalenwild, zu dem das in unseren Wäldern häufiger vorkommende Reh- und Schwarzwild zählen, haben ihre Aufgaben. Durch das Fressen von Pflanzen und Pflanzensamen begrenzt das Wild das Pflanzenwachstum. Reh- und Schwarzwild schlagen und wühlen den Waldboden auf, wodurch der Rohboden freigelegt wird, was vor allem für das Wachstum von Birke, Kiefer und Tanne wichtig ist. Auch die Verbreitung von Pflanzensamen durch die Kotabsonderung führt zu einer Durchmischung der Waldvegetation. Das ausgefallene Winterfell dient Vögeln für den Nestbau, abgeworfene Geweihstangen sind aufgrund ihres hohen Kalzium- und Phosphatgehaltes bei vielen Nagetieren des Waldes beliebt, und auch als Beutetiere für Wölfe sowie als Kadaver dient das Wild vielen anderen Tieren – z.B. Greifvögeln oder Insekten – als Nahrung und sichert in der beute- bzw. nahrungsarmen Zeit ihr überleben.

Schaden, keine Schädlinge

Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die Lebensbedingungen für unser einheimisches Wild außerhalb des Waldes stark verändert. Die natürlichen Fressfeinde wie Wolf und Luchs kommen in den meisten Lebensräumen des Wildes nur noch sehr selten vor – wenn auch der Wolf sich in seinem Bestand aufgrund der hohen Schutzmaßnahmen in Brandenburg gut erholt hat.
In bewirtschafteten Wäldern, wie dem Königswald, können Rehe und Wildschweine durch das Verbeißen von Pflanzen und die großflächige Aufnahme von Eicheln und Bucheckern große Schäden anrichten. „Ein Wald ist nur gesund, wenn er in ausreichender Menge junge Bäume produziert. Der Förster spricht hier von der Naturverjüngung des Waldes. Werden allerdings Jungpflanzen an der obersten Knospe, der Terminalknospe, immer wieder verbissen, wird aus dem Trieb kein Baum, sondern nur ein Busch – wenn überhaupt“, so Revierförster Uwe Peschke im Gespräch mit dem POTSDAMER.
Eine hohe Verbissintensität kann daher die natürliche Verjüngung der wichtigen heimischen Hauptbaumarten des Waldes, wie Buche, Eiche und Kiefer, erschweren sowie die Erhaltung bzw. Förderung seltener und wertvoller Mischbaumarten ganz verhindern. Auch in der Landwirtschaft wird der Schaden durch Schalenwild immer größer. Das Wild findet hier oft ungehinderten Zugang zu einem schier endlos gedeckten Tisch und bedient sich gerne.

Strenger Schutz gilt allen Wald-bewohnern während der Aufzucht der Jungtiere. Foto: sts

Schadensbegrenzung

Viele sind der Meinung, man könne Jungpflanzen doch mittels Zäunen schützen. Da aber wohl kaum jemand im Wald so viele Zäune möchte und eine solche Maßnahme nicht zu finanzieren wäre, muss der Verbiss der nachwachsenden Pflanzen über die Populationsgröße reguliert werden.
Wegen der Verbissschäden in Wald und Landwirtschaft sind Förster, Jäger und Landwirte zu Schutzmaßnahmen aufgerufen, zu denen auch die Entnahme von Wild gehört, wenn die Population ein bestimmtes Maß überschritten hat.
Allerdings können die verursachten Schäden nur bedingt über die individuelle Jagd begrenzt werden. Ein kontinuierlich hohes Nahrungsangebot durch bestimmte Fruchtfolgen in der Landwirtschaft, verkürzte Fruktifikationsereignisse (Frucht- o. Samenbildung) alle 2 – 3 Jahre im Wald (normal wären alle 5 – 7 Jahre) und zunehmend milde Winter, führen zu hohen Zuwachsraten, speziell beim Wildschwein.
Der Revierförster Uwe Peschke hofft auf eine Unterstützung durch zuwandernde Wölfe die mittlerweile auch in den Wäldern Potsdams und Umgebung eingezogen sind. Sie allein werden das Problem aber nicht lösen können. Deshalb werden auch großflächige Drückjagden benachbarter Flächen organisiert, da diese am effizientesten sind.

Jäger halten sich an Vorgaben

Jäger verstehen die Jagd als ökologische Aufgabe und üben sie meist in ihrer Freizeit aus. Dass Jäger jederzeit in den Wald gehen dürfen, um sich mal eben einen Bock oder einen Keiler zu schießen, ist ein Irrglaube. Die Jagd ist streng reglementiert. Nicht nur die Jagdzeiten, die Anzahl der Jäger und die Jagdgebiete sind festgelegt, sondern auch die Strecke (die Menge der zu entnehmenden Tiere) ist gesetzlich geregelt.
Derzeit fordert das Land Brandenburg auf allen Landeswaldflächen zur Reduzierung der Schwarzwildbestände aufgrund der Bedrohung durch die Afrikanische Schweinepest (ASP) eine intensive, mindestens zweimalige Durchführung von Bewegungsjagden.
Bei uns im Königswald gibt es somit im Jahr zwei Termine für Bewegungsjagden. Diese Bewegungsjagden werden bevorzugt im Winter durchgeführt. Zum einen bedingt durch die Witterung (keine Belaubung, niedrige Tagestemperaturen), zum anderen sind die Jungtiere bereits selbstständig und bedürfen des Schutzes der Muttertiere nicht mehr. Die dort erlegten Wildtiere werden durch einen heimischen Wildhändler übernommen und so dem regionalen Einzelhandel zugeführt. So entsteht eines der ökologischsten Lebensmittel überhaupt.
Zur Unterstützung der Reduzierung der Schwarzwildbestände werden im Land Brandenburg auch Fallen eingesetzt, welche per Hand ausgelöst werden müssen und mehrere Tiere gleichzeitig fangen können. Diese Fangmethode vermeidet das Hetzen bzw. Aufscheuchen des Wildes und vermindert den Stress der Wildtiere als auch den Jagdaufwand mit samt der damit einhergehenden Gefahr für Jäger und ihre tierischen Jagdhelfer erheblich.

Die Jagd ist eine ökologische Maßnahme. Foto: privat

Widersprüchliches Verhalten von Waldbesuchern

Leider kommt es immer wieder zu Verhaltensweisen von Privatpersonen, die schwer zu verstehen sind. Schilder, die auf die Jagd hinweisen und auf denen darum gebeten wird, bestimmte Abschnitte des Waldes zeitlich begrenzt nicht zu betreten, werden kaputt gemacht oder beschmiert. Auf manchen werden sogar handschriftliche Drohungen hinterlassen, dass man Jäger und Förster „abschießen“ müsse. Solch eine Drohungen allein erfüllt schon einen Straftatbestand.
Noch schwerwiegender ist, dass die Zerstörung oder gar Beseitigung der Hinweisschilder auch andere erholungssuchende Waldspaziergänger in Gefahr bringen kann.
„Das sind dann oft dieselben Menschen, die im Sommer im Sacrower See an irgendeiner ruhigen Stelle mit ihrer Familie schwimmen gehen, ohne darüber nachzudenken, dass das Baden im See grundsätzlich nur an den zwei ausgewiesenen Badestellen erlaubt ist und an allen anderen Stellen die Flora und Fauna der Uferzonen zerstört wird“, weiß Revierförster Peschke aus Erfahrung.
Oft sei es auch zu beobachten, dass Hundeführer beim Waldspaziergang ihre Hunde nicht anleinen. „Gerade im Frühling, in der Zeit, in der die meisten Tiere ihre Jungen aufziehen, ist es verantwortungslos, Hunde frei herumlaufen zulassen“, so Peschke. „Die Hunde stören nicht nur die Brut der Wasservögel, sondern können durchaus auch abgelegte Rehkitze aufschrecken, oder auf eine führende Bache treffen. Wenn dann der Hund zu Schaden kommt oder gar getötet wird, ist das Geschrei groß.“
Aber auch im Winter ist es wichtig, Hunde anzuleinen. Wild flüchtet bei Beunruhigung und verbraucht dabei Reservestoffe, welche es zum Überleben benötigt. Der Hundebesitzer bemerkt das flüchtende Wild in den meisten Fällen aber nicht.

Jagen kostet Geld

Entgegen vieler Vermutungen verdienen Jäger mit der Jagd kein Geld. Stattdessen kostet den Jäger das Jagen Geld. Auch das erlegte Wild oder Stück, wie es in der Jägersprache heißt, ist – zumindest hier im Königswald – nicht automatisch Eigentum des Jägers, wie viele glauben.
Die Jagd ist gesellschaftlicher und gesetzlicher Verpflichtung an die Jäger, die von den Waldbesitzern und Eigentümern landwirtschaftlicher Flächen beauftragt werden, Wildschäden auf ihren Flächen zu verhüten. Nur zu einem sehr geringen Teil finanziert sich der Landesbetrieb Forst Brandenburg über die Jagd, den größten Teil stellt die Bewirtschaftung des Waldes, genauer gesagt die Holzernte.

Sonderfall ASP

Ein weiterer Grund, die Population der Wildschweine in unserer Region stark zu begrenzen ist die immer näher kommende Afrikanische Schweinepest (ASP). Auch wenn sie für den Menschen ungefährlich ist, wird sie durch ihn und das Schwarzwild verbreitet. Springt die ASP auf Schweine in der Schweinefleischproduktion über, kann dies auch erhebliche wirtschaftliche Folgen haben. „Je geringer der Wildschweinbestand, desto unwahrscheinlicher ist die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest in unserer Region“, bringt Peschke die Situation auf den Punkt.

Wildreduktion durch Krankheiten und Verkehr

Dass die Jagd den natürlichen Nachwuchs nicht kompensieren, sondern lediglich eindämmen kann, ist bekannt. Doch auch die zunehmende Zahl an Wildunfällen im Straßenverkehr reduziert den Wildbestand nicht erheblich. Ein natürlicher Regulator der Wildtierdichte sind auch Krankheiten, wie zum Beispiel die Räude (eine durch Milben verursachte Infektion der Haut) oder Staupe, die zurzeit in unseren Wäldern wieder sehr präsent ist. Und weil die Räude auch auf den Hund übertragbar ist und auch auf den Menschen überspringen kann, sollten sich Hundehalter lieber an die Leinenpflicht halten, empfiehlt Peschke dringend. Somit tut man etwas für die Gesundheit seines Hundes und seiner eigenen gleichzeitig.

sts